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Die Kiste

Jeder von uns (traue ich mich jetzt einfach mal so salopp zu behaupten) kennt das Gefühl des emotionalen Ballastes. Oft ist er uns lange gar nicht so deutlich bewusst, bis wir stehen bleiben und merken, dass wir schon ein gutes Stück des Weges mit einem riesigen Trekkingrucksack auf dem Rücken dahin schnaufen.  Mein Rucksack ist eine Kiste. Und auf der steht jetzt ein Blumentopf. - Die spinnt? Kann sein. Lass es mich erklären...

Emotionen, Traumata und negative Glaubenssätze bleiben gerne im Unterbewusstsein. Aber irgendwann fängt es an zu drücken. Doch selbst wenn wir das "Gfrast" endlich bemerken, heißt das nicht automatisch, dass wir es auch als solches vollkommen erkennen.

Mir fiel erst vor ein paar Wochen auf, dass ich die ganze Zeit eine Kiste mit mir herumschleppe. Wenn dir das bewusst wird, willst du das blöde Ding natürlich loswerden. Aber wohin damit? Weder wusste ich, was sich darinnen befindet, noch was ich jetzt damit machen sollte. Und das machte mir Angst. Da ich mir absolut sicher war, dass in der Empfängerzeile ein ganz anderer Name steht (und mir das alles gar nicht gehört/ sie mir aufgezwungen wurde): zurück zum Absender!

Surprise, surprise! Die Kiste ist natürlich eine metaphorische (wer hätte das kommen sehen! ;)) und dieser Sorte lässt sich nicht einfach ein Poststempel aufdrücken. - Mein Gefühl sagte also deutlich "Nein. Abstellen ist okay, abschicken nicht."

Also habe ich die Verpackung angesehen. Tatsächlich nicht lange, aber intensiv und offen und dann wurde mir etwas bewusst:

Die Kiste habe ich vielleicht bekommen, aber gepackt habe ich sie selbst. Die Ängste, Unsicherheiten und alles, was da vielleicht sonst noch drinnen steckt, sind MEINE  (unbewussten) Schlussfolgerungen auf Verletzungen, Traumata und Co. Es IST meine Kiste!

Diese Erkenntnis war unglaublich befreiend. Es nahm dem Ganzen ein gutes Stück Bedrohlichkeit. Was soll ich mit einer fremden Last?! Aber um meine eigene kann ich mich kümmern. Ich kann sie öffnen, ich kann sie ansehen und ich kann sie loslassen.

Und auch wenn dieser Schritt ein ganz eigener und großer ist, alleine das Wissen über meine Verantwortung und Zuständigkeit dafür, fühlt sich empowerd und befreiend an.

Verschwunden ist die Kiste also (noch) nicht, beängstigend ist sie allerdings auch nicht mehr. Weder schleppe ich sie herum, noch ignoriere ich sie  oder versuche sie im hintersten Winkel meines Kellers zu begraben. Sie steht hier, im Raum und ich sehe sie voller Neugier an. Sie passt ganz gut hier her, fürs Erste darf sie bleiben. Also einen sonnigen Platz gesucht und meine liebste Zimmerpflanze darauf gestellt. Sieht doch ganz gut aus.


Disclaimer: Ich bin keine studierte Psychologin oder befähigte Therapeutin. Alles worüber ich hier schreibe, ist meine persönliche, unprofessionelle und absolut subjektive Meinung! Nicht jede "Kiste" sollte alleine geöffnet werden! Hierfür gibt es professionelle Unterstützung, für die du dich weder schämen noch erklären musst.

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Kommentare: 1
  • #1

    Regenbogenkiste (Donnerstag, 19 Mai 2022 20:50)

    Gratuliere (falls man das so sagen kann)
    Für mich war es wahnsinnig befreiend als ich feststellte dass mein Weg durch diese Kiste gebremst wird und ich damit arbeiten kann oder sogar muss um leichter voran zu kommen, hab sie abgenommen und mal reingelunzt, war kein schöner Anblick aber es gehörte definitiv zu mir bzw meinem bisherigen Lebensweg. Mittlerweile hat sie Räder ich schieb sie vor mich her, denn ich hab sie gern im Blick und immer wieder wenn ich merk irgendwas sitzt nicht richtig kümmer ich mich darum. Einiges konnte ich sogar ablegen, es waren implizierte Ängste oder Sorgen die nicht zu dem schillern der eigentlichen Dinge in meiner Kiste passten. Ich mag sie ganz gerne mittlerweile, und ich kann mir das vorankommen ohne sie nicht mehr vorstellen denn sie hat mich stark gemacht. Ja, manchmal macht sie mir das voran kommen noch schwer, aber ich bin so weit gekommen mit ihr und sie war schon so viel schwerer (und ich schwächer) das ich meine zu wissen dass wir es doch weiter schaffen als ich uns zutraue. Und ich mag jedes einzelne schillernde Dinge darin, manche sind trübe oder ergraut aber sie alle schillern einzigartig. Manchmal braucht man viel Zeit und Kraft um das schillern darin zu erkennen und ich habe natürlich auch noch genug pechschwarze Dinge die ich mit rum schlepp aber darum kümmer ich mich wenn die Zeit gekommen ist.
    Ich hoffe du lernst das sehen deiner wunderschön schillernden Dinge in deiner Kiste, nur lass dich nicht entmutigen wenn du rein blickst und so vieles dunkles vor dir liegt, nimm dir Zeit für jedes einzelne wenn du dich bereit fühlst, als Haufen siehts immer schlimmer aus als einzeln.
    Aber man muss sie halt erst mal entdecken bevor man sie lieben lernen kann.